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Gedichte-Auswahl / Rainer Stolz

 

mal eben alles

wir sammelten handschmeichler auf schleichwegen

oder schmiegten uns in den wind. fielen wir hin

konnten wir hinterher ein lied davon singen.

wir vergaßen die initialen. wir badeten

uns aus, wir schwammen ganz schön

und wir erwärmten uns mit der erde.

am bahnhof suchten wir das weite

mit jedem steinwurf - im abfall

der zuwachsraten schlugen wir uns

die erste klasse aus dem kopf. zum nähen

war es immer schon zu spät. die vögel

hörten wir zwitschern in shopping malls

während wir nichts machten als theater

der überzahl, als kunst des unfugs.

im selbstabholerlager mal eben alles

zu verwechseln war nicht leicht, aber

wir schaukelten uns auf und flogen

die taschen voll, mit aprikosen.

 

aus: "Mitlesebuch" Nr. 137, Aphaia Verlag 2016

 

schwingende lasten

"schwingende lasten, ganz schwierig"

sagt mein nachbar, leergut balancierend

an seinen fahrradlenkern, unterm arm

flugblätter ("wir bleiben hier!"), wieder

stoße ich mich an dem lesereflex: "geh weg!-

schäden", erlebe live, wie sie raum greift

die sanierung in mir, der ich den absprung

zum alkpunk verpasst habe - oder

gehts auch mit malzbier? rumzuhängen hier

zwischen den wertzeichen, unterwegs zu sein

mit dem flausensegel, am erkenntern

des urlaubs im detail einer ausweichspur

des leihverkehrs der luft und der lektüren

die aufgehen am rand der flucht, dem erfolg

einen tag zu stehlen und noch einen, so

dass aus restposten nistkästen werden

und aus schwankungen flügelschläge?

 

aus: "Mitlesebuch" Nr. 137, Aphaia Verlag 2016

 

Haus in We.

Es gibt da noch Fragen: an die Bewahrer

der Grautonskala, die sanft am Abend

an die Fenster schlagen, noch Fragen

an alle Wetter, deren Lagen

beten scheef sind, wie das Haus

um das sie raufen, Fragen auch

an die Regenrinne, die gelegentlich

gelassen überflüssig ist, weshalb ich

mich fragen könnte, womit die Sonne

hier oben wohl ihr Gelb verdient

wo selbst die Schafe blau machen

bevor sie ins Gras beißen, weiter

wärn da Fragen an die Scharen der Geister

mit ihren Klopfzeichen: ob sie freiwillig

sich so hineinsteigern, als sei es

keine Kunst, die unvergleichlich

nutzlos ist, wie die Hohlräume hier

die alle Fragen verlagern, als Nahrung

für die Spinnen vielleicht, die mir sagen:

gut Holz! gibt es hier - und das riecht

wunderbar, wenn ich mir wieder mal

den Kopf gestoßen habe.

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

Zeitumstellung

Die Kleine schläft, ich gähne

den See an. Im Schnee

schieb ich ihren Wagen und frag mich

wieder mal, wer hier wen bewegt.

Der Weg ist schmal und eindeutig

zu malerisch für heute, dem Tag

nach der Zeitumstellung. Ich habe

Pläne gemacht, was ich noch alles

sein lassen kann. Eine Greisin

kommt auf uns zu, im Rollstuhl

und sagt: "Jetzt aber, zack zack!"

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

Unter Deck

Also sterblich sind wir nicht so sehr, nur

eines Morgens aus der Welt - bis dann

kann die Luft ruhig weiter flammen, wir

bleiben aufgeweckt: unter Deck, hier

wo der Posten noch jedem Tierchen

sein Pläsierchen ist, wo lautlos

gebrüllt wird, wo eine Pfote

fest in die andere greift, wo

es Streit niemals gibt ohne

Vertragen - ansonsten

kommts durch Aufdeckung

zur Todesstrafe.

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

Musikanalyse

Das muss an der Mucke liegen, das muss

jetzt endlich mal gesagt werden: Das Zeug

war schlimmer als all die Drogen, die wir

nicht mal probiert haben, damals - "No

Future!" war vorbei und bot der Jugend

keine Perspektive mehr. Es hieß wieder

sich zu spiegeln und sich rückzukoppeln

an das plane Ich, den Taschenjesus

und das Stylingeinmaleins, das jede

Knutscherei in Gefahr brachte. Es galt

alle Scheinwerfer aufzudrehen: Schon

war nicht mehr zu sehen, dass niemand

da war, da man sein eigener Star war

und nicht mehr in die Sterne sah, bevor

man reiherte. So grau war alles, davon

sang man dann zu hoch oder

zu tief in die Charts hinein.

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

Spezialgebiet

Durstige Vögel

die Gesten deines Lobs

der Regenzone, die umherzieht

auf deiner Haut

die Sonnenflecken, und wie

nachvollziehbar sich Bi-

polarität aufbaut, hier

in deinem Spezialgebiet

wo du vom Roten Riesen

zur Erdkrümmung kommst und

mit der Art, wie ich dasitze

den Fluss begründest

der hinauffließt.

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

komma

komma

kommarasch

kommafassma

raschmafassma

fassmada

jadafassma

fassmahinda

fassmaraschmahinda

kommakommarinda

kommarin

rinda

rindahin

machhinda

raschjarasch

machraschmachma

mannmachsmamachsma

machsmanpunkt

 

aus: "Selbstporträt mit Chefkalender" © Horlemann Verlag 2014

 

Haiku-Vogelporträts

(Auswahl)

 

Am Feinkost-Laden

zerfressene Buchstaben.

Bettelndes Tschilpen.

 

*

 

Die Flügel schlagen

die Luft, in der er verharrt -

bis sich was bewegt.

 

*

 

Das sind Liebende:

putzen sich gegenseitig

ihren weißen Fleck.

 

*

 

Sie steigt so weit auf

bis meine Ohren schwören

sie noch zu sehen.

 

*

 

Schluchzt um die Wette

mit bremsenden LKWs -

und gewinnt immer.

 

*

 

Nach dem Sattnaschen

vom Strauch des Johannes rasch

zurück ins Kloster!

 

*

 

Kaum dass sie landet

auf des Eigenbrötlers Hand

wird dieser zahmer.

 

 

aus: "Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts", Edition Krautgarten 2012

 

Im Elvis-Bistro

ein Nachruf

Manchmal sitz ich im Elvis-Bistro

und bin k. o. -

im Radio: gute Laune.

Die Stadt eine Einstellung

die gehalten wird. Irgendwo

hinter einer großen Klappe

warten Charakterdarsteller.

Doch hier steht ein Mann

hinter dem Tresen, der Brötchen

mit einem Lächeln belegt und sagt:

"Es gibt noch Regen."

 

aus: "Während mich die Stadt erfindet"  © Elfenbein Verlag 2007

 

Gewinner

Mensch, wie sie wackeln: die Kontakte

und die neuste Pudding-Generation

steht schon bereit. Mit dreißig

Spamhemmern sind wir längst nicht

gefeit gegen den letzten Schrei. Kein

Schritt mehr ohne Netz und doch

keinerlei Wagniswegfall, nur weltweit

agierende Abstelldienste - und wir

helfen zu sparen, bewahren die Firma

vor unseren Rückenproblemen. Jede

Putenbrust hat ihre Schutzatmosphäre.

Wir jedoch, in unseren Wohnzonen

haben kaum noch Verkehr. Wir würgen

unsere Autos ab, während der Hund

den Freejazz entdeckt. Am Telefon

ist abends dann die Engelsstimme:

"Hallo, Sie sind ein Gewinner!"

 

aus: "Während mich die Stadt erfindet"  © Elfenbein Verlag 2007

 

Beat-Gedicht

Als ich wieder mal auf Kuchen war

in einem dieser Museumscafés

fragte ich mich, ob die Kunst noch Unsinn hat.

So wie einer neulich linkshändig

Geld hinten rechts in die Tasche tat.

Oder zwei sich bye-bye sagten

indem sie sich die Zungen rausstreckten.

Ich sah ewig auf eine stehengebliebene Uhr

und fragte mich: Was macht die Muse

wenn Grosz bei Beate rumhängt?

Als ich dann in die Stadt fiel

passte mich ein Plakat ab:

"Everyone is an original!"

Ich stahl einem Autoradio ein Lied

und spürte die Sehnsucht der Lautstarter.

Die Melancholie der Fensterhocker

rührte mich im Vorbeigehn.

Tief in mir rebellierten Randgruppen.

Selbstgesprächler waren massenweise unterwegs.

Ich sah Jugendstilscheiben zerschlagen.

Ich sah eine Alte am Stock

Golf spielen mit Kot.

Ich sah Gummis aus Fenstern fliegen.

Ich sah eine Frau, die schob eine Kinderkarre

worin ein Mädchen eine Kinderkarre schob.

Ich sah Männer rechte Haken tauschen

und dass sie sich zu Treffern gratulierten.

Ich sah Wachleute, wie sie Unwesen trieben.

Ich sah einen eine Karte essen.

Ich sah die Waldbereitschaft zunehmen.

Ich sah Autos Fußgänger überqueren.

Ich sah zuckende Münder und Augen.

Schultern zuckten immer zuletzt.

Mir kamen Türen entgegen.

Da sah ich die Kunst: ein Turm aus Schrott.

Drumherum lungerten Warengruppen.

Ich sah wie Kontrakte sich schlossen.

Ich ging gespenstisch um in vertrauten Ketten.

Wieder trat die Utopie hart ein.

Happyendverbraucher sah ich

und ging rasch zum Bäcker.

 

aus: "Während mich die Stadt erfindet"  © Elfenbein Verlag 2007

 

Paris

für Claudia

Ein Bauarbeiter mit Gesichtsmaske

lacht die Züge aus, die einfahren

lacht so laut, dass wir glauben

er meint uns mit den langen Armen.

Und du weinst im ETAP-Hotel.

Ein Sommergoldhähnchen

verschmäht unser Popkorn.

Am Ufer stehn wir geflutet

vom Scheinwerferlicht

der Besichtigungsschiffe

gähnen vor Eindrücken

in alle Welt

(seht ihr uns

dann gebt Bescheid).

Eine Straße heißt

uns den Mittag zu suchen.

Ein Kellner sagt: "Bis morgen"

ich verstehe: "Deutsche".

Saint-Germain-des-Prés

ist ein Parfum.

Auf den Künstlergräbern:

kandierte Fahrkarten.

Ich sehe Trompetenbäume

in asphaltierten Parks

und du den Geschäftsmann

der auf einer Bank schnarcht.

Ich gehe hinter dir

der Aussicht wegen.

 

aus: "Während mich die Stadt erfindet"  © Elfenbein Verlag 2007

 

obsession

ein flirren

zitternd leicht

ein streichen der schwinghaut

ein zungenschlag aus luft

ein druck

aufstrahlen das nachdunkelt

wie blech und glück

figuren klingen an

ertasten ihr terrain

mit drall

zum schwindel hin

schlingern durch die ebenen des sinns

schleifen ihre enden los

treiben treppen hoch

auf die schneckenspitzen

vorhoffenster fliegen auf

sie sausen durch

umkurven knochenlamellen

stromern durch röhren

kugeln sich jung

 

erschienen auf : Lesefutter, Literatur auf Brötchen- und Büchertüten, 27.+31. Auflage, Köln 2007

& in "flügelzeug. Laut-, Listen- und Raubgedichte", edition rast 2015

 

kon zis durch

sei kon struk tiv kon tak tier lieb

kon ti nenz wie du musst

kon sum dich ran

kon text ihn zu der kon ver siert

kon ter ka rier sein hemd

kon ster nier nie

kon troll dich froh kon tur nur so

kon so lä dierst du

kon ser viers dir

kon fron tier kon fli gier geh

kon form mit kon fu tse

kon ti im nu um

 

erschienen in: ndl 2/03, Berlin 2003

& in "flügelzeug. Laut-, Listen- und Raubgedichte", edition rast 2015

 

[© Rainer Stolz - wenn nicht anders angegeben]

 

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